Marion Garz

Die Zeit unterm Mikroskop

Was ein Friseurladen mit Fotografie zu tun hat oder warum es interessant sein kann, nicht nur den Haaren nahezukommen, sondern auch dem Leben.

Die Welt von gestern, wie sie in Romanen beschrieben wurde, kannte Friseure als Respektspersonen. Genau wie Schneider oder Hutmacher. Die, die dort verkehrten, ließen immer mehr zurück als nur Geld oder Haare oder die körperlichen Wahrheiten. Die Kunden sprachen ein wenig über Gott und viel über die Welt. Und die, die das Gespräch mit ihnen teilten, obwohl ihr Blick nie von Schere oder Nadel wich, sie verglichen das eben Gehörte mit früheren Suaden anderer. Mehr als ein guter Gedanke blieb immer im Raume. Und wenn die jungen Elegants dann das Geschäft verließen, dann waren sie meist nicht nur schöner, sondern im besten Falle auch ein wenig klüger.
Und heute? Wenig hat sich geändert. Wir sitzen immer noch stundenlang vor unserem eigenen Spiegelbild, was nicht immer angenehm ist, und liefern uns der Person hinter unserem Rücken aus. Und weil wir unsere Verwandlung nie wirklich durchschauen, reden wir. Wie damals. Vor dem Spiegel sind wir alle gleich, es gibt kein Entrinnen, auch wenn wir zu Boden sehen. Er spiegelt auch gar nicht, er ertappt uns in unserer Eitelkeit, lässt sorgsam verborgene Illusionen aufscheinen und legt unsere Hoffnung offen, dass mit jedem verlorenen Haarzentimeter doch etwas menschlich Neues gewonnen wird. Wir erzählen von den Kämpfen des Alltags, von glücklichen Siegen und schmerzenden Niederlagen. Wir vertrauen uns dem Schatten im Rücken an, sind dankbar wenn er im Spiegel nickt und gehen dann federnden Schrittes heraus. Leichter, lockerer, selbstbewusster, fröhlicher. Seit hunderten Jahren geht das so.
Ist der Besuch beim Friseur also eine regelmäßige Inspektion der Dinge des Lebens? Wir gehen dorthin, damit unsere Persönlichkeit unterstrichen wird, wie es so schön heißt. Aber muss sie dafür nicht erstmal erkannt werden?
Marion Garz möchte ihre Kunden keinesfalls vor dem Haarschnitt auf die Couch legen, aber sie sieht ihr Geschäft als einen Ort des Alltagsstopps, des kurzen Innehaltens, um die Dinge, die Menschen interessieren, wie in einem Terrarium zu betrachten. Vielleicht ist dies mit einem Heranzoomen auf das scheinbar Nebensächliche oder das vermeintlich Banale vergleichbar. Schon in der Schule hat sie sich nicht nur für das interessiert, was an der Tafel stand, sondern vor allem auch für den Lehrer, der davorsaß und mit seiner Brille spielte. Warum macht der das? Ist es eine Marotte, ein Tick, ein Versuch, Halt zu finden? Der Lehrer wird sich an seine Brillenakrobatik nicht mehr erinnern, weil er sie ein ums andere Mal wiederholt hat, so wie jemand seit Jahren einen festen Parkplatz für seine Hausschuhe ansteuert oder die Handtasche auf- und zuknipst, um hineinzusehen. Loriot hat das alles wunderbar beobachtet und gewusst, dass es die Nebenschauplätze des Lebens sind, die etwas über uns verraten.
Marion Garz will sie anhalten, die Zeit. Festhalten. Behalten. Vorhalten. In ihren fotografischen Arbeiten versucht sie, der Zeit auf die Schliche zu kommen. Sie will wissen, wie der Augenblick die Dinge formt. Am liebsten hätte sie ein Mikroskop, unter dem sie die Sekunden und Minuten auf ihr Innenleben unterersucht. Steckt in den Molekülen Glück oder Leid, Angst oder Freude? Wie ist das mit dem alles entscheidenden Moment? Letztlich geht es ihr nicht um neue Theorien des Werden und Vergehens, sondern darum, sich der Dinge bewusst zu werden, sie zu bewundern, sie anzuschauen und bestaunen zu können. Viele Dinge verbinden uns, weil ja schlussendlich doch alles mit allem zusammenhängt. Dabei sind nicht Trends gemeint, sondern eine Suche nach dem Richtigen. Das verlangt nach Konzentration, und genau die soll künftig hier nicht zu kurz kommen.
Die Welt von gestern kannte Friseure als lebenskluge, aber auch strenge Respektspersonen, die Welt von heute braucht vielleicht Inspektoren der Nahaufnahme. Und der Friseurladen wird damit zu einem Ort der Vergewisserung. Über sich. Über die anderen. Über das Leben. Über die Welt.

Text: Ingolf Kern

Vita

1990 – 92 Friseurlehre
1992 – 95 Maskenbildner – Volontariat_Stadttheater Gießen
1997 – 2003 Studium der Bildenden Kunst_Kunsthochschule Kassel
Diplom (Prof. Urs Lüthi)
1997 – 2003 HAIR & MAKE UP ARTIST  Hamburg + Berlin
marion-garz.de
2003 – 2013 SALON piso+garz  make up_art space_hairdressing
Ackerstrasse 21_Berlin
2007 Erwerb eines Schrebergartens…
botanic-images.com
2014-2017 mariongarz_SALON & GALERIE
Ackerstrasse 21_Berlin-Mitte_030 28046707
Entwicklung von eigener Naturkosmetik -Haarpflege
seit Aug.2017 your loving nature SALON & SHOP
Naturfriseur mit eigener Haarpflegeserie
& Botanical Art Shop
Ackerstrasse 166_Berlin-Mitte_030 28046707

Ausstellungen exhibitions

DAS VERSCHWINDEN DER KUNST WIRD AUS GESELLSCHAFTLICHEN GRÜNDEN AUF UNBESTIMMTE  ZEIT VERSCHOBEN
Kunstverein Kassel_GA
MALIBU 360_0011
Galerie Stellwerk, Kassel_EA
INDIVIDUALS ‚1
Centre d’Arts Plastiques de Saint – Fons_GA
Kunstpreis der Dr. Wolfgang Zippel Stiftung
WEIL DAS GLÜCK IMMER GEGENWÄRTIG IST, WERDEN WIR ES AUCH FINDEN
Neue Galerie, Kassel_EA
GET HIGH
Projektraum Medienhochschule Köln_GA
INDIVIDUALS’2
piso+garz, Berlin
AUS DER DAHLIENWELT DES HERRN G.
piso+garz_Berlin
WE CREATE THE WORLD IN OUR SPIRIT
piso+garz_Berlin
CURRICULUM VITAE
piso+garz_Berlin
FOR YOU
piso+garz_Berlin
FÜR DEN AUGENBLICK SIND WIR VOLLKOMMEN GENUG SO WIE WIR SIND.
piso+garz, Berlin
18/08/2010 19:36:15 oder CALIFORNISCHER TELLERMOHN
piso+garz_Berlin
KO YUM_KAROW_BÖHLERWERK
Galerie Olbrisch_Berlin
SMALL CREATURES
piso+garz_Berlin
OBSERVARE – open cottage
Parzelle 15_Berlin
KEEP ON MOVEING
piso+garz_Berlin